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Comfort Watching: Warum wir alte Serien immer wieder sehen

Comfort Watching: Warum wir alte Serien immer wieder sehen auf blogtante.de

Hallo Mädels, ich könnte jetzt eine neue Serie anfangen. Eine, über die gerade alle reden. Hochgelobt, zehn Folgen, wahrscheinlich brillant erzählt und mit irgendeinem komplizierten Stammbaum, den ich spätestens in Folge drei googeln müsste. Oder ich sehe zum ungefähr zwölften Mal etwas, bei dem ich jede Figur kenne, jede Wendung kommen sehe und teilweise schon weiß, welcher Satz als Nächstes fällt. Überraschenderweise gewinnt ziemlich oft Variante zwei. Und offenbar bin ich damit nicht allein.

Eigentlich dürfte Wiederholen langweilig sein

Bei Büchern, Filmen und Serien gilt normalerweise Spannung als etwas Positives.

Wir möchten wissen, wie es weitergeht.

Wer war der Täter?

Kommen die beiden zusammen?

Überlebt die Hauptfigur?

Was steckt hinter diesem ominösen Keller?

Beim erneuten Anschauen sind all diese Fragen beantwortet.

Trotzdem kann genau das angenehm sein.

Vielleicht sogar gerade deshalb.

Wenn nichts mehr überraschend ist, muss das Gehirn nicht ständig aufpassen.

Die Geschichte verlangt weniger Aufmerksamkeit.

Und manchmal ist genau das nach einem langen Tag ein ziemlich überzeugendes Argument.

Comfort Watching hat einen erstaunlich passenden Namen

Der englische Ausdruck beschreibt im Grunde genau, worum es geht.

Man schaut etwas, das vertraut ist und sich gut anfühlt.

Das kann eine Sitcom sein.

Eine alte Krimiserie.

Eine Krankenhausserie.

Eine romantische Komödie.

Oder irgendeine Produktion aus der Jugend, bei der objektiv betrachtet vielleicht nicht einmal alles besonders gut gealtert ist.

Der entscheidende Punkt ist nicht Qualität.

Es ist Vertrautheit.

Wir kennen die Welt bereits

Eine neue Serie verlangt Arbeit.

Natürlich angenehme Arbeit.

Aber trotzdem Arbeit.

Neue Figuren.

Neue Namen.

Neue Beziehungen.

Neue Regeln.

Wer gehört zu wem?

Warum hasst diese Frau ihren Bruder?

War das gerade ein Rückblick?

Und wer zum Teufel ist Michael?

Bei einer vertrauten Serie fällt all das weg.

Wir müssen keine Welt mehr kennenlernen.

Wir betreten sie einfach.

Figuren können sich fast wie alte Bekannte anfühlen

Das klingt etwas albern.

Aber wer eine Serie über Jahre gesehen hat, kennt ihre Figuren tatsächlich ziemlich gut.

Wir wissen, wie sie reagieren.

Was sie mögen.

Welche Macken sie haben.

Welche Beziehungen funktionieren.

Und welche garantiert in einer Katastrophe enden.

Natürlich wissen wir, dass es erfundene Menschen sind.

Trotzdem entsteht Vertrautheit.

Wenn die Titelmelodie beginnt, fühlt es sich ein bisschen so an, als würde man bekannte Stimmen hören.

Serien begleiten Lebensphasen

Manche Produktionen sind fest mit einer Zeit im eigenen Leben verbunden.

Vielleicht lief eine bestimmte Serie während des Studiums.

Eine andere während der ersten gemeinsamen Wohnung.

Eine bestimmte Sitcom gehörte zu den Abenden nach der Arbeit.

Und irgendeine Serie lief während einer schwierigen Phase, in der man einfach Ablenkung brauchte.

Wenn wir sie später wieder ansehen, kommt deshalb nicht nur die Handlung zurück.

Es kommt manchmal ein kleines Stück des damaligen Lebens mit.

Nostalgie ist ein ziemlich mächtiger Verstärker

Alte Serien können Erinnerungen auslösen, die mit der eigentlichen Geschichte überhaupt nichts zu tun haben.

Die Wohnung, in der man sie erstmals gesehen hat.

Ein früherer Partner.

Eine Freundin.

Ein alter Fernseher.

Eine bestimmte Zeit.

Plötzlich fühlt sich eine Folge nicht nur vertraut an.

Sie ist mit der eigenen Biografie verbunden.

Das erklärt wahrscheinlich auch, warum manche objektiv mittelmäßigen Produktionen für uns persönlich unbezahlbar bleiben.

Sie gehören einfach zu uns.

Wir wissen bereits, dass nichts Schlimmes passieren wird

Natürlich können in der Serie schreckliche Dinge passieren.

Nur wissen wir bereits, welche.

Das macht einen großen Unterschied.

Eine überraschende Wendung kann spannend sein.

Sie kann aber auch Stress erzeugen.

Beim erneuten Anschauen fehlt diese Unsicherheit.

Man weiß, wann eine Figur stirbt.

Wann der Streit kommt.

Wann alles wieder gut wird.

Das Ergebnis steht fest.

In einem Alltag, in dem erstaunlich wenig feststeht, kann das ausgesprochen angenehm sein.

Kontrolle ist manchmal ziemlich entspannend

Im echten Leben passieren ständig Dinge, die niemand geplant hat.

Termine verschieben sich.

Menschen reagieren anders als erwartet.

Kinder werden krank.

Technik funktioniert nicht.

Arbeit landet plötzlich auf dem Tisch.

Eine alte Serie dagegen hält sich zuverlässig an ihr Drehbuch.

Folge 17 endet heute genauso wie vor zehn Jahren.

Es klingt absurd.

Aber genau diese Vorhersehbarkeit kann Sicherheit vermitteln.

Niemand verlangt volle Aufmerksamkeit

Eine neue Serie schaut man.

Eine alte Serie kann man auch nebenbei laufen lassen.

Wäsche zusammenlegen.

Kochen.

Handy anschauen.

Kurz telefonieren.

Etwas aufräumen.

Man hört mit einem Ohr zu und weiß trotzdem ungefähr, wo die Handlung gerade steht.

Das macht vertraute Serien besonders alltagstauglich.

Sie verzeihen Unterbrechungen.

Deshalb landen sie gern am Abend auf dem Bildschirm

Abends ist unsere Aufmerksamkeit häufig nicht mehr besonders beeindruckend.

Der Tag war lang.

Man hat gearbeitet.

Organisiert.

Entschieden.

Geredet.

Vielleicht Kinder versorgt.

Vielleicht stundenlang auf Bildschirme geschaut.

Jetzt noch eine Serie zu starten, bei der jedes Detail entscheidend ist, klingt plötzlich weniger attraktiv.

Also klickt man auf etwas Bekanntes.

Das Gehirn darf runterfahren.

Neue Serien erzeugen inzwischen sogar Entscheidungsstress

Streaming sollte Fernsehen einfacher machen.

Eigentlich.

Statt fünf Sendern haben wir jetzt Tausende Filme und Serien.

Man öffnet Netflix, Prime oder irgendeinen anderen Dienst und beginnt zu suchen.

Drama?

Nein.

Komödie?

Vielleicht.

Diese neue Serie?

Bewertung ansehen.

Trailer starten.

Doch nicht.

Zwanzig Minuten später hat man noch nichts gesehen und ist bereits genervt.

Dann erscheint irgendwo eine bekannte Serie.

Problem gelöst.

Auswahl kann erstaunlich anstrengend sein

Mehr Möglichkeiten fühlen sich zunächst nach Freiheit an.

Aber irgendwann muss man aus diesen Möglichkeiten eben auswählen.

Und genau das kostet Energie.

Wenn ich bereits den ganzen Tag Entscheidungen getroffen habe, möchte ich abends möglicherweise nicht noch recherchieren, welche von 2.000 Serien meine begrenzte Freizeit verdient.

Eine bekannte Serie braucht keine Bewerbung.

Sie hat den Job bereits.

Comfort Watching ist deshalb auch Entscheidungsvermeidung

Und das meine ich überhaupt nicht negativ.

Nicht jede Entscheidung ist wichtig genug, um Energie dafür aufzuwenden.

Manchmal möchte man einfach den Fernseher einschalten und sofort wissen:

Ja.

Das passt heute.

Keine Recherche.

Kein Trailer.

Keine zehn Minuten Probeschauen.

Ein Klick.

Fertig.

Comedy eignet sich besonders gut

Sitcoms und leichte Serien werden besonders häufig erneut angesehen.

Das ist logisch.

Die Folgen sind oft relativ kurz.

Konflikte werden schnell gelöst.

Die Figuren bleiben vertraut.

Und selbst wenn man die Pointe kennt, kann sie noch funktionieren.

Ein guter Witz wird schließlich nicht automatisch schlecht, nur weil man ihn schon einmal gehört hat.

Manche werden sogar besser.

Aber auch Krimis können Comfort Watching sein

Das klingt zunächst widersprüchlich.

Ein Mord ist schließlich nicht besonders gemütlich.

Trotzdem können alte Krimiserien unglaublich entspannend sein.

Gerade klassische Formate haben klare Strukturen.

Am Anfang passiert etwas.

Dann wird ermittelt.

Es gibt Verdächtige.

Am Ende wird aufgelöst.

Die Welt ist für 45 Minuten kompliziert.

Danach wieder ordentlich.

Das kann beruhigender sein als manche romantische Komödie.

Krankenhausserien funktionieren ähnlich

Chaos.

Notfälle.

Beziehungen.

Drama.

Und trotzdem entsteht Routine.

Wir kennen das Krankenhaus.

Wir kennen die Ärzte.

Wir wissen, wo ungefähr die Kaffeemaschine steht.

Selbst wenn ständig jemand operiert wird, fühlt sich die Umgebung vertraut an.

Vielleicht erklärt das, warum Menschen alte Krankenhausserien jahrelang wieder anschauen können.

Dramatisch und gemütlich gleichzeitig.

Es geht nicht darum, jede Folge bewusst zu verfolgen

Bei Comfort Watching verändert sich die Art des Sehens.

Beim ersten Mal folgt man der Handlung.

Beim fünften Mal betrachtet man vielleicht andere Dinge.

Nebendarsteller.

Alte Mode.

Kulissen.

Frühe Hinweise auf spätere Entwicklungen.

Oder man freut sich einfach auf eine bestimmte Szene.

Das Wiedersehen wird dadurch fast zu einer anderen Erfahrung.

Man entdeckt erstaunlich viel, was man vergessen hatte

Selbst bei einer Lieblingsserie erinnert man sich selten an alles.

Die großen Entwicklungen kennt man.

Viele kleine Handlungen verschwinden aber.

Dann beginnt eine Folge und man denkt:

Ach ja.

Das war ja auch noch.

Dadurch entsteht eine interessante Mischung.

Die Welt ist vertraut.

Aber nicht vollständig vorhersehbar.

Genau genug Überraschung, ohne wirklich anstrengend zu werden.

Manche Folgen überspringt man inzwischen ganz selbstverständlich

Das ist ein weiterer Vorteil.

Beim ersten Anschauen fühlt man sich verpflichtet, alles zu sehen.

Beim fünften nicht mehr.

Diese Folge nervt?

Weiter.

Diese Storyline war furchtbar?

Überspringen.

Diese Staffel hatte ein paar merkwürdige Monate?

Abkürzen.

Man kennt das Gelände und nimmt nur noch die schönen Wege.

Wir bauen uns unsere eigene Version einer Serie

Nach mehreren Durchläufen bleibt nicht mehr unbedingt die Serie übrig, wie ihre Macher sie geplant haben.

Wir haben Lieblingsfolgen.

Lieblingsfiguren.

Staffeln, die wir lieben.

Und jene, bei denen wir so tun, als wären sie nie produziert worden.

Dadurch wird die Serie persönlicher.

Fast wie ein Buch mit Eselsohren an bestimmten Seiten.

Manche Serien sind an Jahreszeiten gekoppelt

Es gibt Produktionen, die plötzlich im Herbst wieder auftauchen müssen.

Andere gehören zu Weihnachten.

Bestimmte Filme funktionieren nur an einem verregneten Sonntag.

Das ist nicht rational.

Aber Rituale müssen nicht rational sein.

Wenn eine bestimmte Serie jedes Jahr im Oktober dazugehört, wird sie Teil der Jahreszeit.

Dann schaut man nicht nur Fernsehen.

Man läutet gefühlt Herbst ein.

Serien können Abendrituale ersetzen oder ergänzen

Menschen mögen Rituale.

Sie strukturieren Übergänge.

Arbeit vorbei.

Kinder im Bett.

Duschen.

Tee.

Eine bekannte Folge.

Der Tag ist abgeschlossen.

Genau deshalb kann eine vertraute Serie eine Funktion übernehmen, die weit über Unterhaltung hinausgeht.

Sie signalisiert:

Jetzt passiert nichts mehr.

Das erklärt auch die berühmte Einschlafserie

Manche Menschen haben eine Serie, die sie zum Einschlafen benutzen.

Nicht besonders schmeichelhaft für die Produktion.

Aber ziemlich praktisch.

Sie kennen die Folgen so gut, dass sie nicht wach bleiben müssen, um herauszufinden, wie es weitergeht.

Stimmen und Geräusche sind vertraut.

Die Handlung ist unwichtig.

Irgendwann schläft man ein.

Am nächsten Abend beginnt man irgendwo anders.

Man sollte allerdings aufpassen, wenn Schlaf darunter leidet

Eine Serie kann beruhigen.

Ein Bildschirm kann trotzdem dazu führen, dass man länger wach bleibt als geplant.

Aus „eine Folge zum Einschlafen“ werden erstaunlich leicht drei.

Besonders wenn Autoplay großzügig entscheidet, dass man selbstverständlich noch wach genug für 42 weitere Minuten ist.

Comfort Watching sollte Entspannung sein.

Nicht der Grund, warum man morgens völlig erschöpft aufsteht.

Lieblingsserien können schlechte Tage abfedern

Es gibt Tage, an denen ich nichts Anspruchsvolles sehen möchte.

Keine düstere Dokumentation.

Kein kompliziertes Drama.

Keine Serie, die mich emotional zerstört und anschließend mit schwarzem Bildschirm alleinlässt.

Dann braucht es etwas, das funktioniert.

Bekannte Figuren.

Bekannte Geschichten.

Bekannte Stimmung.

Nicht um Probleme zu lösen.

Nur um für eine Stunde nichts Neues von mir zu verlangen.

Das ist Eskapismus und darf es auch sein

„Flucht aus der Realität“ klingt gerne negativ.

Als müsste jede Minute Freizeit zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen.

Natürlich kann permanente Vermeidung problematisch werden.

Aber ein Abend mit einer vertrauten Serie ist noch kein Zusammenbruch der Lebensbewältigung.

Manchmal darf Unterhaltung einfach Unterhaltung sein.

Nicht jede Pause braucht einen höheren Sinn.

Wir benutzen Musik längst genauso

Niemand fragt, warum wir dasselbe Lied hundertmal hören.

Im Gegenteil.

Lieblingssongs definieren sich gerade dadurch, dass wir sie wiederholen.

Wir kennen jede Zeile.

Wissen genau, wann der Refrain kommt.

Und hören trotzdem weiter.

Bei Serien wirkt Wiederholung merkwürdiger, obwohl das Prinzip ähnlich ist.

Vertraute Kunst verliert nicht zwangsläufig ihren Wert durch Wiederholung.

Bücher werden ebenfalls mehrfach gelesen

Ein Lieblingsroman darf immer wieder aus dem Regal.

Ein Filmklassiker jedes Weihnachten laufen.

Nur bei Serien haben wir durch Streaming inzwischen die Möglichkeit, gleich Hunderte Folgen wieder von vorne anzusehen.

Und offenbar machen wir davon Gebrauch.

Vielleicht war dieses Bedürfnis schon immer da.

Früher fehlte nur der Knopf „Staffel 1, Folge 1“.

Streaming hat Comfort Watching perfektioniert

Früher musste man warten, bis eine Serie im Fernsehen wiederholt wurde.

Oder DVDs kaufen.

Heute liegen komplette Staffeln bereit.

Man beendet die letzte Folge.

Und könnte theoretisch fünf Sekunden später wieder mit der ersten anfangen.

Eine etwas gefährliche Erfindung.

Vor allem bei Serien mit vielen Staffeln.

Man kann Jahre seines Lebens in einer erstaunlich kleinen Zahl fiktionaler Wohnzimmer verbringen.

Alte Serien können allerdings plötzlich merkwürdig wirken

Wer eine Produktion nach 15 oder 20 Jahren erneut anschaut, erlebt manchmal Überraschungen.

Witze, die damals normal erschienen, wirken heute unangenehm.

Geschlechterrollen fallen stärker auf.

Bestimmte Figuren verhalten sich plötzlich viel problematischer, als man sie in Erinnerung hatte.

Auch Technik verändert den Blick.

Ein kompletter Plot basiert darauf, dass niemand ein Smartphone besitzt.

Heute wäre die Folge nach vier Minuten vorbei.

Nostalgie bedeutet nicht, alles gut finden zu müssen

Man darf eine alte Serie lieben und trotzdem feststellen:

Das ist wirklich schlecht gealtert.

Beides kann gleichzeitig stimmen.

Wir müssen unsere früheren Lieblingsproduktionen nicht nachträglich zu Meisterwerken erklären.

Manchmal mögen wir sie trotz ihrer Schwächen.

Vielleicht sogar wegen einiger davon.

Sie gehören eben zu einer anderen Zeit.

Man sieht beim Wiederanschauen auch sich selbst anders

Besonders interessant ist, wie sich die eigene Identifikation verändert.

Mit 20 fand man vielleicht eine Figur großartig.

Mit 40 fragt man sich, warum diese Person eigentlich ständig solch katastrophale Entscheidungen trifft.

Früher identifizierte man sich mit den Kindern.

Später mit den Eltern.

Irgendwann vielleicht mit der genervten Nachbarin.

Die Serie bleibt gleich.

Wir nicht.

Dadurch entstehen plötzlich völlig neue Perspektiven

Eine Liebesgeschichte, die früher unglaublich romantisch wirkte, kann Jahre später ziemlich ungesund erscheinen.

Eine vermeintlich langweilige Figur wirkt plötzlich vernünftig.

Die strengen Eltern hatten möglicherweise bei erstaunlich vielen Dingen recht.

Das ist fast ein kleines Experiment über das eigene Älterwerden.

Man schaut dieselben Szenen.

Aber mit einem anderen Leben im Hintergrund.

Lieblingsfiguren dürfen trotzdem Lieblingsfiguren bleiben

Nicht alles muss analysiert werden.

Manchmal ist eine Figur einfach lustig.

Oder sympathisch.

Oder genau die Art Mensch, die man gerne im eigenen Freundeskreis hätte.

Serien funktionieren schließlich emotional.

Wir bilden Vorlieben.

Regen uns auf.

Freuen uns.

Und wissen gleichzeitig, dass diese Menschen nicht existieren.

Das Gehirn kann erstaunlich gut mit dieser Doppelspur leben.

Comfort Watching funktioniert häufig besser allein

Mit anderen Menschen entsteht sofort eine neue Schwierigkeit.

„Nicht schon wieder diese Serie.“

Doch.

Genau diese.

Wer mit Partner oder Familie zusammenlebt, kennt vermutlich die Verhandlung um den gemeinsamen Bildschirm.

Eine Person möchte etwas Neues.

Die andere möchte zum vierten Mal dieselbe Staffel sehen.

Hier können getrennte Geräte ausgesprochen friedensstiftend wirken.

Nicht jede Fernseherfahrung muss gemeinsam stattfinden.

Andererseits können gemeinsame Wiederholungen verbinden

Es gibt Serien, die zu Paaren oder Familien gehören.

Beide kennen die Dialoge.

Man zitiert bestimmte Szenen.

Insider entstehen.

Eine Figur wird zum Vergleich für reale Menschen.

„Der ist genau wie …“

Dann wird die Serie Teil einer gemeinsamen Sprache.

Das ist wahrscheinlich eine der schönsten Formen des Wiederanschauens.

Kinder entdecken manchmal unsere alten Lieblingsserien neu

Das kann gleichermaßen bezaubernd und ernüchternd sein.

Man zeigt voller Begeisterung etwas, das man selbst früher geliebt hat.

Und das Kind sagt nach sieben Minuten:

„Das ist langweilig.“

Danke.

Oder es funktioniert.

Plötzlich sieht eine neue Generation dieselben Figuren.

Und man selbst schaut gleichzeitig die Serie und das Kind beim Schauen.

Eine sehr spezielle Form von Nostalgie.

Nicht jeder Klassiker funktioniert für jeden

Nur weil Millionen Menschen eine Serie zum zwanzigsten Mal sehen, muss sie für mich nicht gemütlich sein.

Comfort Watching ist individuell.

Für die eine ist es eine Sitcom.

Für die andere Fantasy.

Für jemanden Krimi.

Und für einen besonders interessanten Menschentyp möglicherweise eine True-Crime-Dokumentation über Serienmörder.

Entspannung sieht offenbar unterschiedlich aus.

Auch Reality-TV kann Comfort Watching sein

Das muss niemand öffentlich zugeben.

Aber wir sind hier unter uns.

Nicht jede beruhigende Fernseherfahrung benötigt ein hervorragendes Drehbuch.

Manchmal möchte man einfach bekannte Formate sehen.

Gleiche Dramaturgie.

Gleiche Konflikte.

Gleiche Schnittmuster.

Menschen streiten.

Jemand weint.

Werbung.

Am Ende Vorschau auf nächste Woche.

Vorhersehbar kann sehr gemütlich sein.

Qualität ist ohnehin nicht das einzige Kriterium für Genuss

Wir essen auch nicht jeden Abend im Sternerestaurant.

Manchmal möchte man Nudeln mit einer Sauce, die man seit zwanzig Jahren kennt.

Fernsehen funktioniert ähnlich.

Eine anspruchsvolle Serie kann großartig sein.

Sie verlangt aber möglicherweise Konzentration.

Comfort Watching ist mediales Wohlfühlessen.

Nicht immer besonders raffiniert.

Aber man weiß exakt, was man bekommt.

Man darf auch schlechte Serien lieben

Das ist eine wichtige Freiheit des Erwachsenenlebens.

Niemand vergibt Noten für den eigenen Fernsehabend.

Wenn mir etwas Freude macht, muss ich keine kulturwissenschaftliche Verteidigung dafür vorbereiten.

Die Serie hat schlechte Bewertungen?

Schade.

Ich mag sie trotzdem.

Nicht alles, was wir genießen, muss objektiv hervorragend sein.

Manchmal brauchen wir Vertrautheit mehr als Neuigkeit

Unsere Kultur liebt Neues.

Neue Serie.

Neue Staffel.

Neuer Trend.

Neues Must-see.

Dabei ist Neuigkeit nicht automatisch besser.

Es gibt Phasen, in denen Überraschungen wunderbar sind.

Und andere, in denen bereits der Alltag genügend davon liefert.

Dann kann etwas Bekanntes genau richtig sein.

Vielleicht ist das der Kern von Comfort Watching

Wir sehen alte Serien nicht noch einmal, obwohl wir wissen, was passiert.

Wir sehen sie noch einmal, weil wir wissen, was passiert.

Die Pointe kommt zuverlässig.

Der Streit endet wie immer.

Die Figur trifft ihre bekannte Fehlentscheidung.

Und unsere Lieblingsfolge wartet noch genau dort, wo wir sie verlassen haben.

Neue Geschichten laufen nicht weg

Natürlich möchte ich weiterhin neue Serien entdecken.

Hin und wieder etwas sehen, das mich überrascht.

Eine Geschichte finden, bei der ich unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht.

Vielleicht wird genau diese Serie irgendwann ebenfalls zur vertrauten Begleiterin.

So entstehen Lieblingsserien schließlich überhaupt erst.

Man muss sie irgendwann zum ersten Mal ansehen.

Aber heute vielleicht nicht

Heute war lang.

Ich möchte nichts recherchieren.

Keine zwölf neuen Namen lernen.

Keinen komplizierten Plot entschlüsseln.

Keine Folge beenden, die mit einem Cliffhanger endet und mich zwingt, bis halb zwei weiterzuschauen.

Heute möchte ich bekannte Stimmen.

Eine vertraute Wohnung.

Eine Geschichte, deren Ende ich längst kenne.

Also starte ich wieder Folge eins.

Und dieses Mal schaue ich die Serie selbstverständlich wirklich nur nebenbei.

Zumindest bis zur nächsten Folge.

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