Hallo Mädels, es gab tatsächlich eine Zeit, in der ich Schuhe gekauft habe, von denen bereits im Geschäft vollkommen klar war, dass man darin eigentlich nicht laufen kann. Das war offenbar kein ausreichendes Gegenargument. Sie sahen gut aus. Also nahm ich sie mit, trug sie zu irgendeinem Anlass, entwickelte nach ungefähr 40 Minuten Schmerzen und verbrachte den restlichen Abend damit, möglichst elegant nicht mehr stehen zu müssen. Heute probiere ich einen Schuh an, spüre irgendwo eine kleine Druckstelle und denke: Auf Wiedersehen. Vielleicht ist das Alter. Vielleicht ist es Vernunft. Vermutlich eine sehr angenehme Mischung aus beidem.
Früher war Aussehen ein erstaunlich überzeugendes Argument
Viele von uns haben Kleidungsstücke besessen, die eigentlich gegen ihre Trägerin gearbeitet haben. Jeans, in denen Sitzen nur eingeschränkt möglich war. BHs, deren Bügel spätestens am Nachmittag versuchten, den Brustkorb zu verlassen. Röcke, die permanent zurechtgezogen werden mussten. Blusen, in denen man sich kaum bewegen konnte, ohne dass irgendwo etwas spannte. Und natürlich Schuhe, deren schönste Eigenschaft darin bestand, dass man sie auf Fotos nur von außen sah.
Trotzdem haben wir diese Dinge getragen. Nicht jeden Tag und nicht alle Frauen gleichermaßen, aber die Grundidee war vertraut: Wenn etwas richtig gut aussieht, darf es ein bisschen unangenehm sein.
Irgendwann wird „ein bisschen unangenehm“ einfach nur noch unangenehm
Das Interessante ist, dass sich nicht unbedingt die Kleidung verändert. Wir verändern unsere Bewertung. Ein Bund, der drückt, war früher vielleicht ein akzeptabler Preis für eine bestimmte Silhouette. Heute denke ich nach einer halben Stunde nur noch darüber nach, wann ich diese Hose endlich wieder ausziehen kann.
Damit hat das Kleidungsstück seinen Job eigentlich verfehlt. Kleidung sollte mich schließlich durch den Tag begleiten und nicht den ganzen Tag meine Aufmerksamkeit verlangen.
Komfort hatte lange ein Imageproblem
Bequem klang lange nicht besonders modisch. Bequem waren Jogginghosen, Hausschuhe und irgendwelche unförmigen Pullover für Sonntagvormittage. Wer sich schick anzog, musste offenbar irgendwo Abstriche beim Wohlbefinden machen.
Zum Glück ist diese Vorstellung inzwischen ziemlich löchrig geworden. Sneaker werden selbstverständlich zu Kleidern getragen. Weite Hosen können elegant aussehen. Strick muss nicht kratzen. Ein BH kann stützen, ohne sich nach acht Stunden wie eine Foltermethode anzufühlen.
Bequemlichkeit und Stil sind keine natürlichen Feinde. Wir haben sie nur erstaunlich lange so behandelt.
Schuhe sind wahrscheinlich das beste Beispiel
Ein schöner Schuh kann ein Outfit komplett verändern. Leider kann er auch einen Abend komplett verändern. Nach einiger Zeit interessiert die Farbe dann nicht mehr. Man sucht nur noch Sitzgelegenheiten und betrachtet neidisch sämtliche Menschen in Turnschuhen.
Mit zunehmender Lebenserfahrung entwickelt man deshalb vielleicht eine neue Definition von gelungenem Schuhwerk: Ich möchte darin auch dort ankommen, wo ich hinwill.
Das klingt nach einer ausgesprochen niedrigen Anforderung. Für manche Schuhe ist sie erstaunlich ambitioniert.
Hohe Absätze müssen deshalb nicht verschwinden
Natürlich darf man High Heels tragen. Wenn eine Frau darin gerne läuft, hervorragend. Es geht nicht darum, ab einem bestimmten Geburtstag sämtliche Absatzschuhe feierlich zu entsorgen.
Der Unterschied besteht darin, ob ich sie trage, weil ich Lust darauf habe, oder weil ich glaube, dass ein bestimmter Anlass ohne sie nicht vollständig wäre.
Vielleicht entscheide ich mich inzwischen für einen niedrigeren Absatz. Vielleicht für breite Schuhe. Vielleicht nehme ich für den Heimweg Sneaker mit. Oder ich stelle fest, dass ich überhaupt keine Lust mehr auf Absätze habe.
Alles erlaubt.
Ein gutes Outfit sollte nicht permanent überwacht werden müssen
Es gibt Kleidung, die verlangt Aufmerksamkeit. Der Ausschnitt rutscht. Der Rock dreht sich. Die Hose schneidet ein. Die Bluse öffnet an einer Stelle ständig einen kleinen Spalt. Der Träger verrutscht. Irgendetwas muss permanent gezogen, gerichtet oder kontrolliert werden.
Solche Kleidungsstücke können im Spiegel großartig aussehen. Im echten Leben sind sie Arbeit.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum man irgendwann lieber Dinge trägt, die morgens angezogen werden und anschließend einfach ihren Dienst tun.
Wir sitzen schließlich einen erheblichen Teil unseres Lebens
Eine Hose sollte im Stehen passen. Überraschenderweise wäre es außerdem hilfreich, wenn sie beim Sitzen weiterhin mitmacht.
Das klingt banal. Trotzdem kaufen wir Kleidung oft vor dem Spiegel in einer Umkleidekabine und beurteilen sie hauptsächlich im Stehen.
Dann kommt der Alltag. Auto. Büro. Restaurant. Bahn. Sofa.
Plötzlich wandert ein Bund dorthin, wo er definitiv nicht hin sollte.
Darum mache ich inzwischen einen ausgesprochen unglamourösen Test: hinsetzen. Wenn die Hose dabei innerhalb von drei Sekunden zur körperlichen Auseinandersetzung wird, darf sie im Geschäft bleiben.
Größen sind ohnehin ein ziemlich schlechter Maßstab für Selbstwert
Eine 40 passt. Eine andere 40 nicht. Bei der nächsten Marke braucht man 42. Irgendwo passt 38. Das Etikett liefert wesentlich weniger zuverlässige Informationen über den eigenen Körper, als wir ihm gern zutrauen.
Trotzdem versuchen Frauen erstaunlich häufig, in die kleinere Größe hineinzupassen, obwohl die größere sichtbar und spürbar besser sitzt.
Das ist besonders absurd, weil niemand auf der Straße das Etikett lesen kann.
Man sieht nur eine Hose, die entweder gut sitzt oder zu eng ist.
Die richtige Größe ist deshalb nicht die kleinste, die sich schließen lässt. Es ist diejenige, in der man leben kann.
Der Körper bleibt auch nicht zwanzig Jahre identisch
Selbst bei gleichem Gewicht kann sich die Figur verändern. Muskelmasse, Fettverteilung, Schwangerschaften, hormonelle Veränderungen und schlicht das Älterwerden beeinflussen Körperformen.
Das Kleid, das mit 28 perfekt saß, muss mit 45 nicht dieselbe Wirkung haben. Das ist kein Versagen des Körpers. Vielleicht ist einfach der Schnitt nicht mehr passend.
Trotzdem hängen in vielen Kleiderschränken Kleidungsstücke, die hauptsächlich als historische Dokumente funktionieren.
„Da passe ich irgendwann wieder rein.“
Vielleicht.
Vielleicht auch nicht.
Und bis dahin nimmt die Hose erstaunlich viel emotionalen und tatsächlichen Platz ein.
Kleidung darf zum aktuellen Körper passen
Nicht zu dem Körper, den man vor zehn Jahren hatte. Nicht zum Wunschgewicht. Nicht zu irgendeinem zukünftigen Zustand.
Zum heutigen.
Das klingt selbstverständlich, kann aber sehr befreiend sein.
Denn plötzlich muss der Körper nicht mehr in die Kleidung passen. Die Kleidung muss zum Körper passen.
Eigentlich war das vermutlich die ganze Zeit die sinnvollere Reihenfolge.
Weite Kleidung ist nicht automatisch Verstecken
Ein weiteres interessantes Vorurteil lautet, dass lockere Kleidung dazu dient, Problemzonen zu kaschieren. Vielleicht möchte ich aber einfach eine Hose tragen, in der meine Beine Bewegungsfreiheit besitzen.
Weit kann elegant sein. Oversized kann bewusst aussehen. Ein großzügig geschnittener Pullover kann wesentlich stilvoller wirken als etwas, das an fünf Stellen spannt.
Komfort bedeutet nicht, sich zu verstecken. Manchmal bedeutet er einfach, nicht gegen den eigenen Körper anzuziehen.
Stoffe werden plötzlich erstaunlich wichtig
Mit 20 habe ich wahrscheinlich mehr Kleidung nach Farbe und Schnitt gekauft. Heute interessiert mich ziemlich schnell das Material.
Kratzt es?
Schwitze ich darin?
Lädt es sich statisch auf?
Muss es nach jedem Waschen aufwendig gebügelt werden?
Kann ich es überhaupt normal waschen?
Ein Kleidungsstück kann wunderschön sein. Wenn sein Pflegeetikett jedoch klingt, als müsste ich dafür einen eigenen Mitarbeiter einstellen, verliere ich zunehmend das Interesse.
Naturfasern sind angenehm, aber kein Glaubensbekenntnis
Baumwolle, Leinen, Wolle oder Seide können wunderbare Eigenschaften haben. Trotzdem ist nicht jede Naturfaser automatisch angenehm und nicht jede Kunstfaser schlecht.
Eine kratzende Wolljacke bleibt kratzend, auch wenn ihre Materialzusammensetzung ökologisch eindrucksvoll klingt. Ein gut verarbeitetes Mischgewebe kann pflegeleicht, langlebig und angenehm sein.
Am Ende zählt, wie ein Kleidungsstück tatsächlich funktioniert.
Das Etikett trägt es nicht. Ich schon.
Kleidung muss zu meinem echten Leben passen
Ein faszinierendes Phänomen im Kleiderschrank sind Kleidungsstücke für ein Leben, das man kaum führt.
Elegante Kleider für Veranstaltungen, auf die man nie geht. Blazer für ein Büro, in dem längst niemand mehr formell gekleidet ist. Schuhe für Abende, die in der Realität meistens aus Restaurant und anschließendem Heimweg bestehen.
Dagegen besitzt man vielleicht drei gute Pullover, obwohl man sie fünf Monate im Jahr ständig trägt.
Ein vernünftiger Kleiderschrank sollte zum tatsächlichen Alltag passen, nicht zur Fantasieversion davon.
Das erklärt auch die berühmten Fehlkäufe
Man kauft nicht nur ein Kleid. Man kauft manchmal die Vorstellung davon, wer man darin sein wird.
Die Frau, die spontan auf Vernissagen geht.
Die Frau mit spektakulären Abendveranstaltungen.
Die Frau, die am Wochenende in weißer Leinenhose entspannt durch südfranzösische Märkte läuft.
Leider lebt die tatsächliche Frau eventuell in Wien, fährt samstags zum Supermarkt und weiß aus Erfahrung, was eine weiße Leinenhose nach zehn Minuten mit Kindern macht.
Die Fantasie war schön. Die Hose bleibt trotzdem im Schrank.
Basics gewinnen irgendwann verdient
Früher fand ich Basics langweilig. Heute verstehe ich ihren Sinn.
Eine wirklich gut sitzende Jeans. Ein weißes Shirt, das nach drei Wäschen noch dieselbe Form besitzt. Ein schwarzes Kleid, in dem man atmen kann. Ein Mantel, der tatsächlich warm hält. Sneaker, in denen man kilometerweit laufen könnte.
Solche Dinge produzieren weniger Begeisterung beim Einkauf als ein spektakuläres Trendteil.
Dafür trägt man sie hundertmal.
Das ist vielleicht die erwachsenere Form von Modefreude.
Ein Kleiderschrank voller Kleidung ist nicht automatisch hilfreich
Es gibt diese besondere Situation: Der Schrank ist voll und man hat trotzdem nichts anzuziehen.
Oft bedeutet das nicht, dass zu wenig Kleidung vorhanden ist. Es bedeutet, dass zu viel davon im Alltag nicht funktioniert.
Zu eng.
Unbequem.
Schwer kombinierbar.
Falsches Wetter.
Nur für besondere Anlässe.
Muss gebügelt werden.
Passt eigentlich nicht mehr.
Wenn man all das gedanklich entfernt, bleiben plötzlich zwölf Kleidungsstücke übrig, die tatsächlich getragen werden.
Vielleicht sollte genau dort die Garderobe beginnen.
Bequeme Kleidung kann trotzdem Figur zeigen
Komfort bedeutet nicht automatisch Sack.
Ein gut geschnittener Stoff kann Bewegungsfreiheit geben und trotzdem eine schöne Silhouette schaffen. Ein Kleid kann locker sein und trotzdem Taille zeigen. Eine Hose kann elastisch sein, ohne nach Sportbekleidung auszusehen.
Die entscheidende Veränderung liegt vielleicht darin, nicht mehr nur zu fragen: „Wie sehe ich darin aus?“
Sondern zusätzlich: „Wie fühle ich mich darin nach sechs Stunden?“
Das zweite Ergebnis sieht man auf dem Foto nicht. Im Alltag ist es erheblich wichtiger.
Unterwäsche entscheidet mehr als viele Oberteile
Ein großartiges Kleid über einem unbequemen BH bleibt ein unbequemer Abend.
Unterwäsche soll selbstverständlich gut aussehen dürfen. Aber wenn ein BH rutscht, einschneidet oder drückt, verbringt man zu viel Zeit damit, an ihn zu denken.
Ähnlich bei Slips, Shapewear oder Strumpfhosen.
Wenn ich beim Ausziehen am Abend zuerst erleichtert bin, dass irgendein Kleidungsstück endlich nicht mehr an meinem Körper ist, sollte ich vielleicht über die Beziehung zu diesem Stück nachdenken.
Shapewear ist großartig – wenn man sie freiwillig möchte
Es gibt Anlässe und Kleider, bei denen formende Unterwäsche einen schönen Effekt haben kann. Dagegen spricht überhaupt nichts.
Problematisch wird es nur, wenn man glaubt, ohne sie dürfe der eigene Körper bestimmte Kleidung nicht tragen.
Ein Bauch darf unter einem Kleid existieren.
Menschen wissen, dass Frauen Organe besitzen.
Das sollte gesellschaftlich inzwischen verkraftbar sein.
Wer Shapewear mag, trägt sie. Wer nach einer Stunde hauptsächlich wieder normal atmen möchte, lässt sie weg.
Mode sollte nicht bestrafen
Manchmal behandeln wir Kleidung fast wie eine Erziehungsmaßnahme.
Die Hose sitzt unangenehm? Dann muss ich eben noch zwei Kilo abnehmen.
Die Schuhe tun weh? Schönheit muss leiden.
Das Kleid spannt? Dann darf ich beim Essen nichts nehmen.
Was für ein seltsames Konzept.
Kleidung wurde hergestellt, um Menschen anzuziehen. Nicht Menschen, damit Kleidung glücklich ist.
Essen können ist ein unterschätztes Qualitätsmerkmal
Ein Kleid für ein festliches Abendessen sollte eine erstaunlich einfache Funktion besitzen: Man sollte darin Abendessen können.
Wenn ich vor dem Restaurantbesuch bereits darüber nachdenken muss, ob der Bund nach der Hauptspeise noch funktioniert, ist vielleicht nicht mein Essen das Problem.
Ein guter Schnitt berücksichtigt, dass Körper im Laufe eines Tages nicht millimetergenau gleich bleiben.
Wir atmen. Essen. Trinken. Sitzen.
Kleidung darf das wissen.
Taschen verändern übrigens alles
Ein Kleid mit echten Taschen ist beinahe ein gesellschaftlicher Fortschritt.
Keine winzige Attrappe.
Keine Tasche, in die genau eine Münze passt.
Eine richtige Tasche.
Für Handy.
Schlüssel.
Vielleicht Lippenpflege.
Männer tragen seit Jahrzehnten Kleidung mit erstaunlicher Speicherkapazität. Frauen bekommen dagegen oft dekorative Nähte, die so tun, als wäre dort eine Tasche.
Wer einmal ein schönes Kleid mit brauchbaren Taschen hatte, entwickelt hohe Ansprüche.
Zu Recht.
Praktisch kann ausgesprochen attraktiv sein
Das Wort „praktisch“ klingt in Modebeschreibungen selten sexy.
Dabei ist ein Mantel mit ausreichend Taschen großartig. Ein Schuh mit rutschfester Sohle sinnvoll. Eine Jacke, die Regen aushält, bemerkenswert hilfreich.
Vielleicht liegt ein Teil des erwachsenen Stils darin, Funktion nicht länger als Gegner von Ästhetik zu betrachten.
Ein Kleidungsstück wird nicht weniger schön, weil es gleichzeitig nützlich ist.
Man muss Trends nicht mehr vollständig verstehen
Es gibt diesen wunderbaren Moment, in dem ein neuer Trend auftaucht und man denkt:
Nein.
Nicht empört.
Nicht moralisch.
Einfach nein.
Vielleicht habe ich diese Mode beim ersten Durchlauf bereits getragen. Vielleicht gefällt sie mir nicht. Vielleicht weiß ich, dass sie an meinem Körper nicht funktioniert. Oder vielleicht habe ich einfach keine Lust.
Das ist eine angenehme Freiheit.
Man muss nicht jede Saison neu verhandeln, ob die eigene Garderobe noch gesellschaftlich zulässig ist.
Gleichzeitig darf man mit Mode weiterhin spielen
Komfort muss nicht bedeuten, nur noch dieselben fünf Outfits zu tragen.
Farben ausprobieren.
Neue Schnitte.
Schmuck.
Muster.
Ein außergewöhnlicher Mantel.
Ein Paar Schuhe, das völlig unvernünftig aussieht und überraschenderweise trotzdem bequem ist.
Mode kann Spaß machen.
Vielleicht sogar mehr, wenn man aufgehört hat, dabei ständig leiden zu wollen.
Persönlicher Stil entsteht oft erst, wenn Trends unwichtiger werden
Junge Mode orientiert sich stark daran, was gerade getragen wird. Später kennt man sich selbst besser.
Welche Farben funktionieren?
Welche Schnitte?
Welche Schuhe ziehe ich wirklich an?
Welche Dinge kaufe ich immer wieder und lasse sie dann im Schrank hängen?
Mit der Zeit entsteht daraus etwas Wertvolleres als Trendbewusstsein: Erfahrung mit dem eigenen Geschmack.
Kleidung kann Sicherheit geben, ohne Aufmerksamkeit zu verlangen
Ein gutes Outfit hat eine interessante Eigenschaft. Nach dem Anziehen denkt man irgendwann nicht mehr darüber nach.
Man weiß, dass alles sitzt.
Man fühlt sich wohl.
Man kann sich auf den Tag konzentrieren.
Das ist für mich inzwischen wesentlich überzeugender als ein Outfit, das für zehn Minuten spektakulär aussieht und danach permanent kontrolliert werden muss.
Vielleicht wird man mit dem Alter nicht anspruchsloser, sondern anspruchsvoller
Früher genügte mir bei Kleidung manchmal: sieht gut aus.
Heute ist die Liste länger.
Sie soll gut aussehen. Passen. Bequem sein. Zum Alltag passen. Pflegeleicht genug sein. Mit anderen Dingen kombinierbar sein. Und bitte nicht nach zwei Wäschen ihre Persönlichkeit verlieren.
Das ist nicht Resignation.
Das ist ein ziemlich hoher Anspruch.
Qualität wird dadurch interessanter
Ein billiges Shirt kann hervorragend sein. Ein teures vollkommen überbezahlt.
Preis und Qualität sind nicht dasselbe.
Aber mit der Zeit achtet man stärker auf Verarbeitung. Nähte. Stoff. Formstabilität. Reißverschlüsse. Wie das Kleidungsstück nach einigen Wäschen aussieht.
Ein Teil, das fünf Jahre regelmäßig getragen wird, ist möglicherweise der bessere Kauf als drei günstige Alternativen, die nach einer Saison verschwinden.
Ein bequemes Kleidungsstück wird automatisch nachhaltiger, wenn man es wirklich trägt
Nachhaltigkeit wird bei Mode oft über Materialien diskutiert.
Mindestens genauso wichtig ist jedoch die Frage, ob ein Kleidungsstück überhaupt benutzt wird.
Die ökologisch perfekte Hose, die unbequem im Schrank hängt, erfüllt ihren Zweck nur eingeschränkt.
Ein Teil, das man regelmäßig trägt, repariert und lange behält, hat eine andere Lebensdauer.
Komfort sorgt deshalb indirekt dafür, dass wir Dinge tatsächlich nutzen.
Der Kleiderschrank darf kleiner werden
Wenn Kleidung zuverlässig funktioniert, braucht man erstaunlich wenig davon.
Nicht minimalistisch im Sinne von zwölf exakt kuratierten Teilen in Beige.
Einfach weniger Fehlkäufe.
Weniger „vielleicht irgendwann“.
Weniger Kleidung für Fantasieleben.
Dafür mehr Dinge, die man morgens gern aus dem Schrank nimmt.
Das schafft Platz.
Und spart diese merkwürdigen zehn Minuten vor dem Kleiderschrank, in denen man 80 Kleidungsstücke betrachtet und keines anziehen möchte.
Bequemlichkeit ist kein Aufgeben
Das ist vielleicht das wichtigste Vorurteil.
Eine Frau, die keine hohen Schuhe mehr trägt, hat nicht aufgegeben.
Eine Frau in einer weiten Hose ebenfalls nicht.
Auch Sneaker, flache Schuhe und Strick bedeuten nicht automatisch, dass jemandem ihr Aussehen egal geworden ist.
Vielleicht hat sie einfach beschlossen, dass ein schöner Tag schöner ist, wenn nichts scheuert.
Das erscheint mir ausgesprochen vernünftig.
Stil und Komfort dürfen sich endlich vertragen
Die ideale Kleidung muss keine Entscheidung zwischen „schön“ und „bequem“ verlangen.
Wenn etwas nur gut aussieht, solange ich still vor einem Spiegel stehe, funktioniert es für mein Leben möglicherweise nicht besonders gut.
Ich möchte laufen können.
Sitzen.
Essen.
Arbeiten.
Lachen.
Tanzen, falls sich die Gelegenheit ergibt.
Und am Ende des Tages nicht das Bedürfnis haben, sämtliche Kleidungsstücke bereits im Hausflur abzuwerfen.
Vielleicht ist das die eigentliche modische Freiheit
Nicht mehr zu denken: Kann ich das tragen?
Sondern: Will ich das tragen?
Nicht: Ist das gerade modern?
Sondern: Gefällt es mir?
Nicht: Sehe ich darin dünner aus?
Sondern: Fühle ich mich darin gut?
Das sind kleine Veränderungen in den Fragen. Aber sie verändern erstaunlich viel.
Und manchmal gewinnt eben die Jogginghose
Es gibt Abende, an denen ein Kleid wunderschön wäre.
Und dann gibt es den Moment, in dem man nach Hause kommt, die Schuhe auszieht und eine Jogginghose anzieht.
Dieser Moment hat eine Ehrlichkeit, gegen die kaum ein Modetrend ankommt.
Vielleicht besteht erwachsener Stil deshalb nicht darin, Komfort gegen Schönheit einzutauschen.
Sondern endlich Kleidung zu finden, bei der man sich nicht mehr zwischen beiden entscheiden muss.


